Neues aus Boston
Nachdem ich nun schon ewig nichts mehr blogmäßig von mir hören ließ, wird es endlich Zeit für eine Aktualisierung (um das Wort „update“ zu vermeiden. Mir wurde schon gesagt, dass ich die Schlimmste aller Code-switcher sei, da ich innerhalb eines Satzes vom Deutschen ins Englische und zurück falle wie man an diesem Satz auch schon erkennen kann). Was also bisher geschah…
Nun, ich habe eine Bleibe gefunden – mittlerweile sind Mietvertrag und Geldangelegenheiten unter Dach und Fach – und eigentlich bin ich schon am 25. August ins Apartment am Porter Square in Cambridge gezogen. Allerdings war dieses noch voll mit den Sachen des Vormieters und dessen Bruder. Die Hälfte wurde schon ausgeräumt, die andere Hälfte ist zwar ebenfalls aus meinem Zimmer befördert worden, allerdings belagert es noch immer unseren Flur. Ausziehen bedeutet bei manchen Amerikanern – naja, zumindest bei meinem Vormieter, dass die Sachen dann von den alten Mitbewohnern erst einmal in den Lagerraum verstaut werden – persönlich anwesend muss man zum Auszug dann halt auch nicht sein. Nun gut, dieser Vormieter mag ein spezieller Fall sein ebenso wie seine Ex-Freundin, die meine eigentliche Vormieterin in diesem Apartment war. Meine derzeitigen Mitbewohner, Linh (26, Software Developer an der Boston University) und JT (29 - steil auf die 30 zugehend! – Fine Dining Cook von Beruf) haben sich zugenüge über die speziellen Vormieter genervt und mich als neue, gute Ergänzung in dem 3er Haushalt ausgewählt.
Auf unserer anstrengenden Wohnungssuche haben Steffen und ich bereits viel von Greater Boston gesehen. Und auch viele heruntergekommene Zimmer bzw. Apartments, die noch immer für viel Geld gehandelt (ab 500 Dollar Kaltmiete als Grundpreis war häufig üblich) und dann auf wundersame Weise auch noch an den Mann oder die Frau gebracht werden. Steffen und ich wollten uns das nicht zumuten und suchten nach Wohnungen, die unserem etwaigen Standard entsprachen. Wir haben es gut erwischt. Von gar zu viel Luxus würde ich aber nicht sprechen. So hatte meine Vormieterin wohl einen kleinen Hund irgendwann mit heimgebracht. Dementsprechend habe ich Hundepipi-Flecken noch auf dem Teppich, die ein wenig streng riechen. Trotz Fébrèze hoffe ich doch, dass der Teppich bald shampooniert und gereinigt wird! Meinen Vormietern kann ich nur sehr viel Unverständnis entgegenbringen. Nicht umsonst hatte JT sie als „assholes“ bezeichnet. Ich schließe mich ihm in Gedanken an.
Die letzte Woche vor Semesterbeginn wurde dann ein wenig anstrengend für uns. So viel Freizeit nach der anstrengenden Wohnungssuch-Woche! Wir haben auf unterschiedliche Weise die Langweile totgeschlagen: Wir waren Möbel kaufen, sind bei Haymarket oder hier am Porter Square abends in Bars, wurden von JT zum Abendessen eingeladen (oooh, so gut! Ein richtig gutes, fast exquisites Essen, vor allem im Vergleich zu dem restlichen Fast Food hier. Wie gut, einen Koch im Haus zu haben. Nur leider kocht er viel zu selten selbst zuhause…), haben bei den Mädels im Arlington Haus ihren Einstand gefeiert und sind Andreas Geburtstags-/ Einzugsparty nachgekommen. Manch einer (so wie ich) war auch im Boston Common sowie in den Art Galleries an der Newbury Street (eine wunderschöne und etwas exklusivere Strasse mit schönen Kunstgallerien und tollen Boutiquen und sonstigen Einkaufsmöglichkeiten (z. B. H&M oder Victoria’s Secret!), um dann von der Park Street hochzulaufen zum Porter Square. Highlight dieser Tour ist mit Sicherheit die tolle Aussicht über den Charles River mit den Segelbooten und Downtown Bostons Skyline im Hintergrund gewesen. So richtigem Sightseeing sind wir aber noch nicht gekommen.
Dank Labour Day am 3. September ging die Uni dann erst am Dienstag los. Wie aufregend war das in die erste Klasse zu gehen. Eigentlich verwendet man im Deutschen wohl viel eher den Begriff Kurs, Seminar oder Vorlesung, während man hier von „classes“ oder „courses“ spricht. Allerdings wirkt das amerikanische Universitätssystem sehr viel verschulter, vermutlich auch durch die kleinen Kursgrößen (maximal 30 Personen, meistens weniger), so dass ich durchaus geneigt bin, auch im Deutschen von Klassen zu sprechen. Meine Kurse finde ich alle recht interessant und glücklicherweise habe ich ausschließlich nette Dozenten, so dass es wohl wirklich gut werden sollte. Die eine labert vielleicht ein wenig viel, aber sie kommt aus der Radiobranche – was will man mehr? Sie unterrichtet nicht umsonst einen Medien- und Kommunikationswissenschaften Kurs.
Die Dozenten sind hier generell sehr bemüht, irgendwelche Scheu und Hemmungen zu nehmen, was ich gerade am Anfang ganz angenehm finde. Hier liegt es wohl aber auch daran, dass UMass Boston eine staatliche Uni ist und mit hochrangigen Unis, z. T. Ivy League Universitäten wie bspw. Harvard und MIT oder eben mit Boston University, Northeastern, Tufts etc. im Wettbewerb steht. UMass Boston zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch weniger gut betuchten Menschen die Möglichkeit eröffnet, sich eine höhere Ausbildung erlauben zu können. (Wobei das hier immer noch sch***teuer ist!) Dadurch kann sie auch mit stolz behaupten, dass sie wohl eine sehr große Vielfalt an Menschen mit unterschiedlichstem kulturellen Hintergrund ausbildet. Man spürt trotzdem, dass es durchaus vorkommt, dass auf „unsere“ Uni und den Studenten dort herabgeblickt wird, genau aus letztgenanntem Grund.
Der Manager der Gebäudeverwaltung, der für meinen Mietvertrag in der Wohnung zuständig ist, hatte mir bspw. beim Interview erklärt, dass mein Englisch ja toll sei und ich wohl viel besser Englisch sprechen könnte als die meisten an der UMass, da die meisten dort nicht ursprünglich von hier wären. Man würde denken, dass hier solche Sprüche nicht fallen sollten, da es sich hier ja schließlich um Amerikaner und Amerika – dem Melting Pot oder Mosaik – handelt. Auf der anderen Seite ist es hier auch Amerika, das Land des Angebens und zur Schaustellens und man hätte wohl von vornherein erwarten sollen, dass der Umgang mit der Vielfalt an kulturellem Hintergrund der Menschen nicht durchweg besser sein sollte als in Deutschland. An der Uni selbst trifft man aber ausschließlich auf aufgeschlossene, aufgeklärte Dozenten, so dass an der Uni selbst eine angenehme Atmosphäre zwischen Studenten und Professoren herrscht. Jedenfalls freue ich mich – natürlich neben all meinen anderen Kursen – sehr auf die American Studies Kurse, die dieses Thema behandeln und etwas genauer ergründen wollen.
Naja, und da jetzt der dritte Uni-Tag so langsam zuneige geht und ich schon jetzt total müde bin, werde ich erst einmal ins Bett gehen, damit ich morgen für meine 50 Minuten Klasse in Geschichte und den ganzen restlichen Tag fit bin. Ach ja, noch kurz möchte ich erwähnen, dass ich bereits 330 Dollar für Kursbücher (13 Stück, die meisten sind gebraucht gekauft) ausgegeben habe in diesem Semester. Faszinierend wie die Studenten hier "abgeschöpft" werden! Außerdem hat die Uni kaum angefangen und ich habe schon tausend Aufgaben und Sachen zum Lesen aufbekommen. Mir wird also keinesfalls langweilig werden und jetzt, da ich mittlerweile so richtig in Boston angekommen bin, glaube ich, dass es ein gutes Jahr werden wird.
In diesem Sinne wünsche ich euch erst mal was! Bis bald wieder!...
P.S.: Ich bemühe mich, viele neue Bilder zu machen und ein paar davon online zu stellen.
